kreatives schreiben in und über Berlin

Berlin hat viel zu bieten: Bekannte Plätze, die Neue Mitte, Touristenattraktionen. Wie wirken diese Orte auf uns, welche Atmosphäre haben sie, welche großen und kleinen Geschichten erzählen sie und was können wir über sie erzählen?. Der Kurs regt in Exkursionen und kreativen Übungen an, die eigene Berlin-Erfahrung zu formulieren und diese Weltstadt von der produktiven Seite her zu erleben: in  verschiedenen Textsorten, mündlich und schriftlich. Ein gutes und spannendes Training für die Ausdruckmöglichkeiten in der Fremdsprache Deutsch, ergänzt durch die Wiederholung grammatischer Schwerpunkte.  mit wöchentlichen Exkursionen.

Zusammenstellung der Auszüge

Für die vielen anregenden und originellen Texte danken wir allen TeilnehmerInnen!

Der Kurs lief über einen Zeitraum von acht Wochen, wobei die Zusammensetzung mehrmals wechselte. So kommt es, dass in dieser Seite von einigen Teilnehmern, die über einen längeren Zeitraum dabei waren, mehrere Texte vorliegen, von einigen anderen dagegen nicht.

Karina

Es gab einmal einen Mann, der Löwenzahn hieß. Eigentlich hieß er ganz anders, aber da er in Kreuzberg wohnte, gefiel ihm der Name Löwenzahn viel besser als Helmuth. Jeden Sonntag ist er spät aufgestanden, wenn sein Königspudel ihn aus seiner Hängematte stieß. Zum Frühstück mit den 27 anderen Bewohnern hat er Bio-Haferflocken gegessen. Dazu trank er frisch gepressten Karottensaft. Löwenzahns Freundin war selten beim Frühstück dabei, weil sie die 12 Hühner, die im Garten herum liefen, füttern musste. Es gefiel Löwenzahn sehr, mit so vielen Leuten zusammen zu wohnen.

Jeden Montag Morgen musste er dann wieder zur Arbeit gehen. Was die 27 anderen Mitbewohner nicht wussten, war, dass er in einem Büro am Potsdamer Platz arbeitete. Er musste deshalb seinen Anzug am Kottbusser Tor anziehen, da die anderen Mitbewohner glaubten, dass er wie sie in einem Kinderladen arbeitete.

Konrad

Um sieben Uhr steht unser Held auf. Niemand ist zu Hause. Er muss selbst einkaufen. Er geht zum Laden. Er macht sich keine Sorgen wegen der Unordnung in seinen Haaren. Er begrüßt lustig die Verkäuferin. Später kommt er zurück nach Hause. Aber er isst nicht in Ruhe. Er hört Musik in voller Lautstärke. Und plötzlich tanzt er auch!!! Das sieht lächerlich aus. Dann zieht er seine alten Jeans und ein buntes Hemd an. Die Haare stellt er mit Gel auf. Dann fährt er zur Arbeit. Er ist bei einer großen Werbeagentur beschäftigt. Sie befindet sich im 25. Stock am Potsdamer Platz. Zum Glück für ihn muss man bei dieser Arbeit nicht unbedingt einen eleganten Anzug tragen. Viele seiner Kollegen tragen auch bunte Klamotten, weil sie ein bisschen Künstler sind. Nach der Arbeit treffen sie sich in einer Kneipe, aber nicht am Potsdamer Platz. Sie mögen die Pracht nicht. Sie bevorzugen kleine, aber feine Kneipen. Deshalb gibt es die Verwandlung in unserem Helden nicht.

Natascha

Sie heißt Bettina. Sie wohnt in einer kleinen, aber gemütlichen Wohnung in einem alten Haus am Kreuzberg. Aber den größten Teil ihres Lebens läuft sie am Potsdamer Platz herum, wo sie als Sekretärin in einem Büro arbeitet..

Heute ist Sonntag, deshalb kann Bettina so lange schlafen, wie sie will. Um elf Uhr ist sie aufgewacht. Aber sie hat keine Lust aufzustehen und sich zurechtzumachen. Wegen des Hungergefühls steht sie jedoch auf und geht in die Küche. Zum Kochen hat Bettina natürlich auch keine Lust. Sie trinkt eine Tasse Kaffee, nimmt einen Krimi und geht wieder ins Bett. Der Krimi war etwas langweilig, und nach einer Stunde schläft Bettina wieder ein. Und der ganze tag vergeht so langweilig und grau.

Am nächsten Morgen klingelt der Wecker um sechs Uhr. Sie nimmt ein schickes Kleid aus dem Schrank, zieht es an, macht ihre Haare, nimmt ihre Tasche und geht los. Um halb acht betritt eine elegante Dame das Büro…

Konrad

Der Potsdamer Platz liegt im Trend. Echt, oder?

Fast alle Menschen, die nach Berlin fahren, hören etwas über den Potsdamer Platz. Jeder, der in Berlin ist, sollte den Potsdamer Platz besuchen. Außer vielen Sehenswürdigkeiten gibt es dort eine riesige menge an Kneipen, Bars, Cafes usw. Leider sind sie nicht für alle. Fette Preise verursachen Kopfschmerzen.
Die erste Kneipe liegt im Sony-Center. Sie sieht ziemlich gut aus. Ich möchte hinein gehen. Leider spielt heute eine Band. Der Eintritt kostet 10 Euro. Schade, aber ich gehe hinein. Die Einrichtung dieser Kneipe fällt auf. Überall ist Neonschein. Kein diffuses Licht. Die Drehstühle sind unbequem. Die Kellner hier sind dazu da, dich zu stören.
Das nächste Restaurant ist draußen. Auch nicht üblich: Zwei große Leibwächter stehen an der Tür. Ich vermute, dass der Eintritt für Leute, die mindestens 1000 Euro in der Geldtasche haben, berechnet ist. Das Menü ist nicht leuchtend. Hier gibt es dasselbe wie überall. Aber wenn man die gepfefferte Rechnung sieht, muss man stark sein, um keinen Herzinfarkt zu bekommen.
Andere Kneipen, Pubs, Restaurants sind auch sehr teuer und originell. Aber für Geschäftsleute ist das kein Problem. Für sie liegt der Potsdamer Platz im Trend. Er ist echt cool. Aber für mich ist er zu exklusiv. Vielleicht später, wenn ich reich bin, dann wird der Potsdamer Platz mir mehr gefallen.

Julia

Also – ich gehe über den Potsdamer Platz, durch die modernen Gebäude, viele Geschäfte und Büros. Die Geschäftsleute beeilen sich, gehen zur Arbeit oder kommen nach Hause. Dann trete ich zu einem jungen Mann in teurem Anzug, der mit dem Muster „Arbeit, Arbeit, Arbeit….“ bedruckt ist. Er sitzt an einem Tisch, trinkt Kaffee und raucht. Er sieht ein bisschen nervös aus.
Ich setze mich neben ihn.
„Hallo, kann ich mit Ihnen ein kurzes Interview machen?“

Er: „Na ja, aber ich habe nur ein bisschen Zeit – ich bin sehr in Eile.“

Ich: „Okay, also – sagen Sie mir etwas über sich: Wie heißen Sie, wie alt sind Sie und so weiter?“

Er: „Also ich heiße, Helmut und ich bin 29. Ich arbeite in einer großen Firma, in einem Büro an diesem Platz. Ich habe jetzt eine kurze Pause, dann muss ich zurück arbeiten gehen.“

Ich: „Was ist mit Ihrem Privatleben? Können Sie mir etwas darüber sagen?“

Er: „Ich habe kein Privatleben, weil ich keine Zeit für unwichtige Sachen habe. Ich wohne ganz allein, und ich verbringe fast die ganze Zeit im Büro. Arbeit ist mein Leben, das Büro ist mein richtiges Zuhause. Ich arbeite von Montag bis Sonnabend von ca. 9.00 bis 20.00 Uhr.
Abends und am Sonntag erledige ich Extra-Aufträge zu Hause. Wenn ich Freizeit habe, treffe ich mich mit meinen Kunden, suche im Internet Material für meine Arbeit oder mache Weiterbildungskurse. Seit drei Jahren habe ich keinen Urlaub, weil ich Angst habe, dass jemand mich in der Firma ersetzen könnte. Einmal pro Monat gehe ich in die Kneipe, die gerade in Mode ist. Dort reden wir über unsere Arbeit, unsere Chefs, Kunden und neue Aufträge.
Ich verdiene sehr viel, aber das bedeutet auch Stress, Hektik, kein Privatleben und keine Familie. Aber ich will nicht aufhören – ich kann mir eine Absenkung des Lebensstandards nicht vorstellen. Ich muss wählen: Freizeit oder Wohlstand; Freunde und Familie oder die teuren Sachen; Feste und Partys oder ein neues Auto. Für mich ist Geld das Wichtigste. Jetzt muss ich aufhören – meine neuer Kunde wartet auf mich!

„Guten Tag. Ich schreibe einen Bericht über diesen Platz. Ich möchte Ihnen ein paar Fragen stellen. Sind Sie von hier? Wohnen Sie hier an diesem Platz?“
„Ja, ich lebe seit mehreren Jahren hier.“
„Womit beschäftigen Sie sich?“
„Seit einem halben Jahr bin ich der Verwaltungsvorsitzende von diesem hohen Gebäude.
Ich muss für das Funktionieren des ganzen Gebäudes sorgen, über die Mieten entscheiden, alles kontrollieren. Das ist nicht so leicht, aber für mich gibt es nichts, was unmöglich ist.“

„Na ja, können Sie mir bitte etwas mehr über diesen Ort erzählen? Wer lebt hier? Was passiert? Wer kommt jeden Tag hierher?“

„Das weiß ich nie genau. Die Leute kommen, machen, was sie zu tun haben, fahren wieder weg oder gehen nur vorbei. Ich spreche nie mit ihnen. Es tut mir Leid, aber ich muss den ganzen Tag arbeiten, und ich habe keine Zeit, jeden zu beobachten. Aber ich kann Ihnen ein gutes Restaurant in der Nähe empfehlen.“

„Vielen Dank. Bitte, sagen Sie mir, was machen Sie in der Freizeit?

„Freizeit? Was ist das? Wenn ich Freizeit habe, spiele ich Tennis, gehe in die Sauna; aber wenn ich ein paar Tage frei habe, reise ich ans Mittelmeer. Dort erhole ich mich am liebsten.“

„Danke für dieses Gespräch.“

„Ich danke auch.“

Goska

Drei Gebäude

Ich stehe auf dem Potsdamer Platz. Er ist so schön, aber etwas ist mir besonders aufgefallen – drei Gebäude, die in einer Reihe stehen. Sie sehen anders aus als andere, auch sehr moderne Gebäude. Eines von ihnen ist ein bisschen geheimnisvoll. Ich gehe fast automatisch auf dieses Gebäude zu. Seine beschwörende Art macht auf mich einen sehr großen Eindruck.
Ich weiß, ich muss auf es zugehen. Ich muss als Journalistin ein Interview für die Warschauer Zeitung machen.

„Wie alt sind Sie?“ frage ich schüchtern.

Zuerst benimmt es sich, als ob es mich gar nicht sehen würde. Trotzdem stelle ich noch einmal die selben Fragen.

Endlich hat es mich bemerkt.

„Ich bin sehr jung – ich bin erst 7 Jahre alt. Trotzdem bin ich das älteste Gebäude hier auf dem Potsdamer Platz. Ich bin der Führer hier. Ich verfüge über große Macht.
Sehen Sie mal – wie andere Gebäude in Berlin aussehen! Wir, das heißt alle Gebäude am Potsdamer Platz, sehen so hübsch aus im Vergleich zu den anderen, schrecklichen Häusern in Ost-Berlin. Wir sind so schön. Alle bewundern uns. Wir sind so prächtig…“

„Ich bin überzeugt, dass es in Warschau nicht so schöne Gebäude gibt.“

Ich wollte es eigentlich nicht mehr hören. Ich habe zum ersten Mal einen so überheblichen Typen kennen gelernt.

Ich befinde mich auf dem Potsdamer Platz. Es gibt da sehr schöne Gebäude. Mir persönlich gefallen besonders drei Gebäude. Ich gucke noch mal genau auf diese Gebäude und ich denke, dass sie wie drei Personen aussehen. Ich komme näher und versuche eines besser kennen zu lernen. Es ist sehr hoch und elegant. Es hat einen sehr schönen Anzug an und hält in der Hand ein sehr kleines Handy. Ich befürchte, dass es überhaupt nicht mit mir sprechen wird. Aber ich muss das überwinden. Diese Gelegenheit habe ich nie wieder.

Es ist ungefähr. 28. Ich frage: „Wie spät ist es?“ Es guckt auf seine moderne Uhr und antwortete: „Viertel nach eins.“ Und es fragt mich, was ich so spät auf dem Potsdamer Platz mache.

„Ich habe mich verfahren und ich kenne den Weg nach Hause nicht“, antworte ich.

„Wie heißt du?“ fragt es.

„Asia, und du?“

„Mein Name ist Christopher. Ich komme aus den Vereinigten Staaten, und jetzt arbeite ich hier für eine sehr große deutschen Firma.“

„Also, ich verbringe hier meine Sommerferien. Ich möchte mein Deutsch verbessern. Man sagt, dass ich keinen Urlaub habe, ich muss lernen, lernen und noch mal lernen.“

„Ich würde dir gern helfen, nach Hause zu finden. Aber ich kenne diese Stadt nicht so gut.“

Paulina

„Also, Herr Schwarzhammer, wir sind hier am Potsdamer Platz. Sind Sie zum ersten Mal hier?“

Er starrt mich an, als ob ich ein bisschen blöd wäre; dann werden seine tiefdunklen Augen wieder distanziert und höflich.
„Nein, mein Vater hat eines von diesen Gebäuden entworfen und gebaut. Mensch, kennen Sie nicht `Schwarzhammer & Sohn`?“

„Nein“, sage ich, „Entschuldigung.“

„Na ja, viele Menschen wissen einfach nichts von Kunst und Architektur; Sie sind einer davon, sad but true.“ Jetzt ist sein Gesicht wie das eines Verkäufers, dann wird er wieder ernst.
„Also, ich bin nicht der Sohn von `Schwarzhammer & Sohn`, das ist mein Bruder.“

„Also sind Sie kein Architekt?“

„Doch, eine Art Architekt; ich bin plastischer Chirurg. Ich wollte etwas anderes machen, ich wollte nicht von meinem Vater abhängig werden!“

„Und was hat Ihr Vater dazu gesagt?“

„Er hat viel von Betrug gesprochen, weil ich alles gern allein machen wollte…. Wir haben jahrelang nicht miteinander gesprochen! – Oh, da kommt meine wunderschöne Freundin; ich muss jetzt gehen, wie müssen für sie ein Cocktailkleid finden, wir machen eine Cocktailparty.“

„Na, dann viel Spaß dabei.“

„Kommen Sie doch einfach auch, es wird sehr lustig.“

„Okay, bis später.“

„Gut, ciao.“

Das Bundeskanzleramt war von Anfang an Gegenstand einer Kontroverse.
Der ungeliebte Großbau im Spreebogen kostete mehr als 100 Millionen Mark. Die Kritiker sagen, dass der Koloss das nahestehenden Reichstagsgebäude in den Schatten stellt. Sogar der Bundeskanzler selbst konnte sich nicht einfach an das Gebäude gewöhnen.
Laut den Journalisten hat er gesagt, dass alles für ihn „zu wuchtig“ sei. Doch alles wurde früher geplant – unter Kohls Regierung.
Vielleicht sieht der Neubau aus der Distanz prächtig und beeindruckend aus, aber wenn man näher kommt, hat man den Eindruck, als ob das Gebäude nicht zu Ende gebaut wäre. Zusammengefügtes Glas und Beton überraschen den Betrachter. Das Amt scheint zu hygienisch und zu fremd zu sein. Nicht nur das Außen ist menschenunfreundlich, sondern auch das Innere des Gebäudes ungemütlich und kalt. Sowohl die Konferenzräume und Büros als auch die Privatwohnung des Kanzlers enttäuschen von der Einrichtung her. Trotzdem wollen viele Menschen das Bundeskanzleramt besuchen.
Vielleicht zieht jedes neue Objekt eine neugierige Öffentlichkeit an, aber die neusten Tendenzen in der Architektur sind nicht immer sinnvoll. Das Gebäude des Bundeskanzleramts sieht so aus, als ob der Architekt seine Idee nicht zu Ende gebracht hätte.

Konrad

Liebes Tagebuch,

ach, die Zeit vergeht so schnell. Noch neulich habe ich Gras gekifft, und jetzt bin ich Bundeskanzler! Ach, Leben, Leben! Vor ein paar Tagen musste ich mit meiner Familie in das neue Bundeskanzleramt einziehen. Leider!
Das Amt gefällt mir nicht so gut. In der Tat: Wirklich nicht. Warum muss ich in der Waschmaschine wohnen? Warum hat mich niemand nach meiner Meinung gefragt?
Das Leben ist ungerecht. Alles ist wegen des Gemüses. Das war nur sein dummes Projekt.
Die Gänge sind endlos. Um vom westlichen Ende zum östlichen zu kommen, muss ich ein Fahrrad benutzen! Außerdem muss ich alles selbst waschen. Warum? Obwohl ich in der Waschmaschine wohne, gibt es in ihr keine! Das ist ganz einfach ein Skandal! Ach, Leben, Leben. Überdies habe ich so viele Beschäftigungen. Heute hat mein Sohn gefragt, ob ich mit ihm Fußball spielen möchte. Zum Glück habe ich noch einen freien Termin in 30 Tagen gefunden.

So, liebes Tagebuch, ich werde jetzt Schluss machen. Ich mache noch ein paar Liegestütze und gehe schlafen.

Natascha

Er wohnt in einer großen modernen Stadt, die sich immer weiter entwickelt. Man versucht alles, was möglich ist, zu automatisieren, neue Gebäude werden gebaut und alte werden saniert und renoviert. Neue U-und S-Bahnhöfe werden geöffnet. Die Leute sind immer mit etwas beschäftigt und sind immer in Eile.
Aber das alles betrifft ihn nicht. Er führt ein ruhiges, isoliertes Leben in einem Haus, das er selbst gebaut hat. Das haus hat zwei Etagen. Es wurde aus verschiedenen Brettern gebaut, die er selbst gesammelt hat. Vielleicht waren früher diese Bretter ein Teil von einem Tisch oder Schrank.
Aus dem Loch in der Wand wächst ein Baum. Er ist schon ziemlich groß. Wenn die Leute das Haus sehen, staunen sie über seine Merkwürdigkeit. Aber was die anderen davon halten, ist ihm egal. „Was denn? Man wirft so viele gute Sachen weg, die noch benutzt werden können.“

Es war nicht einfach, ein Haus aus solchem Material zu bauen. Das dauerte eine Weile. Aber am Ende war er mit seiner Arbeit zufrieden. Für ihn ist es viel angenehmer, so eng mit der Natur zu leben, als in einer modernen, komfortablen Wohnung.
Neben dem Haus hat er einen ziemlich großen Garten, wo er viel Gemüse und Obst anpflanzt. Er braucht nicht geschmackloses Gemüse im Supermarkt einzukaufen. Er hat sein eigenes Bio-Obst und –Gemüse.
Er geht gern spazieren. Am liebsten geht er im „Allee-Garten“ spazieren. So nennt er diesen langen, grünen Weg unter der Straße. Man sagt, dass früher dort ein Fluss war. Aber was das früher war, ist für ihn nicht so wichtig. Er ist froh darüber, dass es jetzt zu einem „Allee-Garten“ geworden ist. Dort gibt es auch einen See, wenn man so sagen kann. Das Schwimmen ist verboten, aber die Enten fühlen sich wohl dort. Er füttert sie gerne.
Letztes Mal, als er am See war, bemerkte er etwas Gelbes, das übers Wasser trieb. „Was könnte das sein?“ Er guckte genauer und erkannte drei Wörter: „Du aber bleibst? Wer bleibt? Und warum?“ Das konnte er nicht verstehen. „Vielleicht ist das die Sehnsucht nach etwas Ewigem und Wirklichem.“

Dimitri

„Du aber bleibst“

Die Welt um uns herum verändert sich katastrophal schnell. Vor nicht allzu langer Zeit machte der Mensch zuerst technische und dann sexuelle Revolutionen durch. Aber das, was sie mit sich brachten, wird heute als etwas Selbstverständliches angenommen. Das Tempo des Fortschritts ist so riesig, dass ein normaler durchschnittlicher Spießbürger nicht immer mit ihm Schritt halten kann. Das Leben wurde zur ununterbrochenen Hast. Aber wenn du plötzlich drei hellgelbe Worte. „Du aber bleibst“ siehst, die ruhig über das Wasser treiben, zwingt es, über Sachen nachzudenken, die ewig sind, die seit Tausenden von Jahren unverändert bleiben. Die Pflicht. Die Liebe. Die Freundschaft. Die Brüderlichkeit. Die Ehe.
In deinem „Du“ muss jede von diesen Sachen vorkommen. Und dieses „Du“ muss immer innerhalb deiner selbst bleiben.

Paulina

Die drei Worte des Berliner Künstlers Christian Cordes, die über das Wasser treiben, können unterschiedlich interpretiert werden.

Eine von vielen Interpretationen kann von den historischen Erfahrungen des Betrachters abhängen. Weil die Buchstaben sich etwa an der ehemaligen Grenze zwischen Ost und West befinden, können sie an die Teilung der Stadt erinnern.

Diese Theorie spiegelt sich auch in der Architektur rund um das Wasser. Auf einer Seite sind Plattenbauten, auf deren Fassaden sich die Worte „Du aber bleibst“ wiederholen. Deswegen können die Bewohner der modernen Wohnungen auf der anderen Seite die Worte nicht nur über das Wasser, sondern auch auf den Fassaden der Gebäude sehen.

Auch wenn die Installation verschwunden ist – die Impression bleibt, vergrößert durch die besondere Architektur. Obwohl es die Mauer nicht mehr gibt, ist vieles unverändert geblieben.

Konrad

Vor ein paar Tagen habe ich an einem Ausflug teilgenommen. Wir waren in Kreuzberg.
Von den vielen Plätzen, die wir gesehen haben, hat sich besonders das Kloster ausgezeichnet. Es war wirklich, wirklich groß und geheimnisvoll. Außerdem hat ein Spruch über dem Eingang gehangen. Er besteht aus zwei Sätzen. Viele von uns haben nicht genau gewusst, was das bedeutet. Später sind wir in ein Café gegangen und ich habe den Spruch vergessen. Aber am Abend dieses Tages musste ich wieder über ihn nachdenken. Aber alles von Anfang an:

Am Abend hatte ich die Absicht, irgendwohin zu gehen. Ich habe das meinem Freund gesagt, aber er hat geantwortet, dass es schon so spät sei. In der Tat stimmte das. Aber trotzdem gingen wir in eine Disco. Wir haben uns für eine Disco in Kreuzberg entschieden, aber das war nur Zufall. Die Musik war wirklich so bärenstark, dass wir uns dort bis 3.00 Uhr amüsiert haben. Leider sind um diese Zeit keine U-Bahnen mehr gefahren. Deshalb sind wir zu Fuß gegangen. Auf den Straßen war keine Menschenseele. Wir gingen und gingen und plötzlich haben wir uns neben dem Kloster befunden. Vor dem Kloster – in einem großen Kreis – haben viele Leute gestanden, und sie haben sehr wunderlich ausgesehen. Viele von ihnen hatten weiße Kapuzen. Sie habe sich an den Händen gehalten. Wir waren erschrocken. Schnelle sind mein Freund und ich nach Hause gelaufen.

Als ich im Bett war, habe ich mich an den Spruch erinnert. Und plötzlich ist der Groschen gefallen. Ja!!! Jetzt verstehe ich! Die erste Zeile: „Gegen vorsätzliche Geistesabwesenheit“ war nur für ausgewählte Leute bestimmt, die Mitglieder dieser Sekte sind. Nur sie können sie verstehen. Für andere war das „Kunst“. Dagegen war die zweite Zeile („Unterstützt das Künstlerhaus Bethanien“) für alle verständlich. Es ging um die Unterstützung für die Sekte. Sie wirkt wie ein Künstlerhaus. Aber jetzt weiß ich, was das wirklich ist. Viele von uns (z.B. Jorge) sind noch im absoluten Irrtum. Aber das wird sich verändern. Die Wahrheit kommt an den Tag!!!

Jorge

Was heißt:

„Gegen vorsätzliche Geistesabwesenheit –
Unterstützt das Künstlerhaus Bethanien“ ?

Das Künstlerhaus Bethanien ist von 1845 bis 1947 als Ausbildungsinstitut für Krankenpflegerinnen errichtet worden, mit eigener Krankenanstalt und eigenem Waisenhaus. Bis 1970 war das Krankenhaus in Betrieb.

Das zurzeit bestehende Künstlerhais Bethanien ist eine internationale Projektwerkstatt zur Förderung zeitgenössischer Kunst, die vom Kunstamt Kreuzberg unterstützt wird.

Da Berlin zurzeit pleite ist, versucht die Stadtregierung Geld zu sparen; dadurch wurden überall Theater, Schwimmhallen, Krankenhäuser und schulen geschlossen sowie der Geldhahn für die Kunstförderung langsam zugedreht. Anstalten wie das Künstlerhaus Bethanien, die den Geist fördern sollen, werden nicht mehr möglich sein.

Deswegen wurden die Einwohner Berlins gebeten, dieses Kunsthaus zu unterstützen und den künstlerischen Geist zu fördern.

Natascha

Friedrichshain

Ich würde Friedrichshain teilweise als Treffpunkt für junge Leute bezeichnen. Viele treffen sich dort, um etwas zu essen und einfach die Zeit zu verbringen. Besonders wenn das Wetter gut ist, sitzen sie stundenlang dort. Und die Atmosphäre entspricht dem Publikum, dessen Aussehen manchmal alle Phantasie übersteigt.

Zur Zeit gibt es in Friedrichshain eine generelle Sanierung. Aber das „bemalende Team“ hält auch Schritt damit. Deshalb sind viele Häuser, die gerade renoviert wurden, schon wieder frisch bemalt. Auf einem Balkon im dritten Stock hat jemand Sonnenblumen gepflanzt. Sie blühen gerade und sind schon ca. einen Meter hoch. Das sieht ein bisschen unangepasst aus, aber niedlich. Wir haben auch einen Mann gesehen, der hoch auf das Dach gestiegen ist und dort telefonierte. Vielleicht weil es so warm war, wollte er die Gelegenheit nutzen und sich ein bisschen sonnen.

Eine Straße, die zu Friedrichshain gehört, heißt Simon-Dach-Straße. Wir gehen die Straße entlang in Richtung Boxhagener Straße. Die Straße ist von kleinen Geschäften, Cafés und Autos vollgepackt, eine Kneipe neben der anderen. Wir sehen gelbe Tische und Stühle aus Holz, die zu nahe an der Straße stehen, überall ähnliche Speisen und Einrichtung. Es gibt nur einen kleinen Unterschied zwischen ihnen – den Namen, und einige Kneipen haben Sonnenschirme, andere nicht.

Meine Aufmerksamkeit hat auch ein Geschäft auf sich gezogen, das Vertigo – Verrutschi heißt. Ich konnte nicht verstehen, nach welchen Maßstäben man die Sachen bewertet hatte. Z.B. hat mich besonders ein alter, weiß gestrichener Stuhl beeindruckt. Mann konnte sehr deutlich sehen, dass er früher eine ganze andere Farbe hatte. Der Stuhl kostet 49 Euro, und das ist ein Angebot! Früher betrug der Preis 99 Euro. Oder wir haben im Schaufenster komische Taschen gesehen. Sie sehen wie Kindertaschen aus, sind es aber nicht. Ich hatte das Gefühl, dass solche Geschäfte vielleicht für Leute eingerichtet sind, die einen speziellen Geschmack haben.

Neben dem Restaurant-Café „Galileo“ baut man etwas. Die Bauarbeiten verursachen viel Lärm. Aber der Lärm und Staub scheint die Kunden nicht zu stören.

Wir gehen weiter und versuchen die neu eröffnete Espressobar „Cabezas“ zu finden, und uns dort ein bisschen zu erholen. An der Kreuzung Simon-Dach-Straße / Boxhagener Straße
haben wir eine junge Frau danach gefragt. Sie hat uns geantwortet: „Ich weiß es nicht. Hier ist sie nicht.“ – „ Vielleicht dahinter?“ – „Nein, dahinter ist nur noch Osten.“ Was sie damit gemeint hat, lässt sich nur spekulieren.

Marzena

Innerer Monolog von Walter Ulbricht

Soll ich die Mauer bauen oder nicht, das ist die Frage.
Auf der einen Seite gehen sehr viele junge, gut ausgebildete Leute in die BRD, wir können nicht so viele Arbeitskräfte verlieren, was machen wir dann mit den Zahlungen für die alten Leute?
Auf der anderen Seite, wie kann ich so viele Familien von ihren Verwandten trennen? Ich habe auch meine Tante Emma in West-Berlin.
Und die Politiker aus der Sowjetunion, sie erpressen mich. Unabhängiger Staat? Leeres Gerede. Warum war die politische Position immer wichtiger als das, was unsere Nation wirklich will?
Was aber lustig ist, ist, dass viel Leute hier daran glauben, an diese Idee, dass wir gegen den Kapitalismus kämpfen, und unsere antiimperialistische Solidarität fördern. Was für ein Leben Politiker haben! Ich werde eine Münze werfen; bauen oder nicht bauen?

Dimitri

Morgen wird der Tag sein.

Diese Entscheidung kann nicht länger verschoben werden. Der Druck von Moskau ist nicht mehr zu ertragen. Und sie haben auch irgendwie Recht. Wenn die Flüchtlings-Prozession nicht bald ein Ende findet, kann die DDR nicht lange überleben. Nur eine Mauer kann für uns die Lösung sein. Auch wenn ich meinen eigenen Worten widersprechen muss!!

Aber…. hat es wirklich einen Sinn, eine Stadt wie Berlin so zu zerschneiden? Darf ich ganze Familien auseinander zerren? Kann man das alles in Kauf nehmen, nur damit unsere politischen Ideen weiter leben dürfen? Und wer bin ich, um das zu entscheiden? Ich bin nur ein einfacher Mann!! Was kann ich tun, um das zu vermeiden?

Die Leute verlangen auch, dass ich sie vor dem kapitalistischen Teufel schütze, oder? Und das kann nur die Mauer. Ich hoffe nur, dass es nicht zum richtigen Krieg kommt. Es ist auch kein Angriff gegen den Westen, sondern nur ein Schutz.

Oh! Mein Gott! Wie wird das alles enden? Was wird die Geschichte jemals über mich erzählen?

Liebe Simmila,

weißt du, manchmal träume ich davon, dass wir uns irgendwann auf einer kleinen Insel im Indischen Ozean treffen. Und um uns herum würden paradiesische Bäume in Blüte stehen. Verschiedene Vögel würden uns ihre Lieder der Liebe singen. Und da, da vorn, würden stille Meereswellen die sandige Küste so langsam streicheln, wie das nur Liebesleute, die sehr lange Zeit zusammen sind, können.

Unser Haus wird eine kleine, unordentlich zusammengestückelte Bambushütte sein, in der wir unsere liebevollen Nächte verbringen werden. Nun stell dir vor: Der Sonnenuntergang. Die glühendheiße tropische Sonne zerrinnt unter dem Horizont. Die Luft wird kälter, die Nacht bedeckt die Erde und uns zusammen mit ihr. Ich umfasse dich warm. So sitzen wir und hören das Rauschen des Ozeans an – wie es scheint, ewig. Dann nehme ich dich auf beide Arme und trage dich in die Hütte. Wir verschwinden in der Nacht. Wir existieren auf der Erde nicht mehr. Wir sind woanders….

Du, du bist schon lange im Grab.
Ich, ich bin in der dem Erdboden gleichgemachten Stadt, wo es keine Zukunft und keine Hoffnungen gibt.

Ruhe in Frieden, meine Geliebte.
Dein Mann,
am 15. Juli 1948, Berlin

Nerea

Sag, Freund,

siehst du

die Chips aus Kartoffeln?

Die sich in der Packung drängen

wie die Hühner im kleinen Käfig.

Wie lässt man das zu?

Ihre Oberfläche erinnert an Hügel aus Irland

und die Stücke Paprika – meckernde Schafe.

Wie lässt man das zu?

Ihr Leben ist eine Pechsträhne.

Gehalten unter unmenschlichen Bedingungen,

ohne Sauerstoff!!!

Wie lässt man das zu?

Ihre wellige Gestalt wirkt beruhigend,

und ihr Geschmack regt

den Magen an zu arbeiten.

Chips aus Kartoffeln

werden verdaut.

Die Packung ist leer.

Wie lässt man das zu?

Sag, Freund: Siehst du noch

Chips aus Kartoffeln?

Konrad Kaminski

Weißt du, Freund,

was

die Zeitung „Irospon“

berichtet?

„In Oswenzin

direkt

in der Nähe

vom

ehemaligen Nazilager

ist

eine Disco geöffnet.

Im Gebäude

vom

ehemaligen Gerberwerk,

in dem

die sklavische Mühe

der Häftlinge

benutzt worden ist.“

Mir gefällt,

dass es

in der Welt

solche Dinge gibt,

wie eine Disco

neben dem Lager

des Todes Dimitrij Baranov

in Oswenzin. (nach einem Gedicht von Vadim Drogov)
Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte…

würde ich mehr lachen und weniger weinen, würde öfter im Regen spazieren gehen ohne zu denken, dass ich mich erkälten könnte.
Ich würde jedem Menschen ein Lächeln schenken
und würde mich weniger um kleine Probleme kümmern.
Ich wäre weniger schüchtern und würde mich weniger um das, was die Anderen von mir sagen, kümmern.
Wenn ich froh wäre, würde ich es herausschreien, damit die Anderen sich mit mir freuen könnten.
Ich würde allen meinen Wünschen folgen und nie mehr sagen:
Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte…

Susana

Wenn ich mein Leben noch einmal leben könnte….

würde ich mich nur um wichtige Sachen kümmern und nie wegen Kleinigkeiten streiten.
Ich würde weniger denken und mehr machen.
Ich würde weniger an meine eigenen Probleme denken und mehr an die Anderen.
Ich würde weniger fernsehen und mehr lesen, aber auch weniger aus Büchern lernen und mehr vom Leben.
Ich würde mehr Briefe schreiben und weniger telefonieren.
Ich würde weniger bei Filmen weinen oder lachen und mehr im realen Leben.
Und ich würde versuchen jeden Traum zu erfüllen, egal wie schwer oder sinnlos es ist.

Konrad

BERLIN / ULM

Ich wähle Ulm zur Beschreibung, weil ich frische Erinnerungen an diesen Ort habe.
Ich war dort vor vier Wochen mit der Klasse, weil wir einen Austausch hatten.

Ulm ist eine ziemlich kleine Stadt mit 100 000 Einwohnern. Ulm besteht aus Ulm und Neu-Ulm. Ulm liegt in Bayern und Neu-Ulm liegt in Baden-Württemberg. Durch die Stadt fließt die Donau, und der Fluss ist auch die Grenze zwischen beiden Ländern. Das ist wirklich sehr merkwürdig. Der Unterschied zwischen Ulm und Berlin besteht darin, dass die Leute (insbesondere junge Leute) in Ulm sich alle kennen.

Was auch sehr wichtig ist: Es gibt in Berlin wirklich viele Treffpunkte. In Ulm gibt es nur zwei oder drei. Aus diesem Grund kann man jeden Abend einen Bekannten treffen. Aber diese Situation hat auch Nachteile: Die Menschen klatschen über andere. Das ist natürlich das Problem vieler kleiner Städte.

Das Verkehrssystem gefällt mir sehr in Berlin. Hier kann man sich wirklich schnell und bequem bewegen. In Ulm ist das nicht so. Man braucht ein Auto.

Viele Leute in Berlin sehen sehr originell aus, z.B. mit bunten Hemden, Irokesenschnitt auf dem Kopf, Ohrringe am ganzen Körper usw. Aber das stört niemanden. Niemand starrt diese Leute an.

Das Lebensniveau ist in Berlin sehr unterschiedlich, von sehr reich bis sehr arm. In Ulm ist es homogener. Ich nehme an, dass alle Leute, die arbeiten wollen, Arbeit haben. Der Verdienst ist wirklich hoch, z.B. hatte die Familie, bei der ich gewohnt habe, auch einen sehr hohen Lebensstandard. Und was merkwürdig ist: Nur der Vater kann die ganze Familie unterhalten. Ich finde, dass das sehr gut ist.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass man diese Städte nicht sehr gut vergleichen kann, weil sie sehr unterschiedlich sind.

Dimitri

Berlin und andere Städte………

CHEMNITZ

Und da: Jene Stadt, mit der ich meine großen Hoffnungen verbinde, liegt vor mir. Chemnitz ist ihr Name. Okay, spucken wir in die Hände und fangen an, ein neues Leben zu führen. Womit müssen wir uns zuerst beschäftigen? Natürlich mit der Suche nach einer Unterkunft. Überlegen wir mal.

– „Was bin ich?“
– „Student.“
– „Wo sollten Studenten wohnen?“
– „Im Wohnheim.“
– „Stimmt.“

Gehen wir dorthin.
Das Gebäude des Studentenwerks ist absolut un-bemerkenswert, wie Tausende anderer Gebäude in dieser Stadt.
– „Verzeihung, könnten Sie mir sagen, wo die Verwaltung der Wohnheime ist?“
frage ich eine sympathische junge Frau, die den Korridor der Vorhalle sehr gereizt und so schnell entlang halb ging, halb lief, dass man annehmen konnte, sie bereite sich auf die Olympiade vor.

Ohne anzuhalten wirft sie einen beängstigenden Blick auf mich. Und statt wie ein normaler Mensch zu reden, fängt sie an, sehr laut etwas zu zischen.
Solange wie ich mich an mich erinnern kann, fürchte ich mich vor Schlangen. Deshalb kann ich mich nicht darauf konzentrieren, was sie mir zuzischt. Ich warte nur auf die Gelegenheit, „Danke“ zu sagen und zu verschwinden. Ja, ja. Selbst ihr Zischen scheint zu einem Ende zu kommen.

– „Danke, danke schön! Sie haben mir sehr geholfen! Danke noch einmal!“ – spucke ich die Wörter mit reaktiver Geschwindigkeit aus und auf Windesflügeln laufe ich die Treppe hinauf.

Im Treppenhaus des zweiten Stocks bremse ich mich ab, blicke auf eine Inschrift über der Tür. „Um Gottes willen! Das ist genau das, wonach ich suche!“ Die Inschrift lautet: „Verwaltung der Wohnheime“. Die Tür öffnet sich von selbst. Vor mir verläuft ein auf makabre Weise unabsehbar langer Korridor. Innerlich schaudernd trete ich in die Tunnelfahrt hinein. Panik überkommt mich. „Komme, was will“ sage ich mir und mache eine Tür, die nächstliegend vor mir ist, auf. An der Tür steht die schauerliche Nummer „66“. In den ersten Sekunden werde ich geblendet, weil die Beleuchtung im Innern so hell ist, als ob dort ein paar Scheinwerfer aufgebaut wären.

Es ist fast unmöglich zu atmen. Die Luft drinnen ist stickig und feucht. Es riecht nach mariniertem Knoblauch. Am vergoldeten Tisch sitzt ein ergrauter zahnloser Wirt des Kabinetts. Die Einrichtung und das Aussehen des Mannes am Tisch können einem ganz schön Angst einjagen.

Ohne seinen Kopf vom Tisch zu heben, beginnt er zu leiern, dass er unschuldig ist, dass alles vollkommen zufällig passierte. Dann wird es unmöglich herauszufinden, was er da murmelt. Seine Schultern zucken. Er weint….

Agnieszka

Ein magisches „Mon Cherie“

Es waren einmal zwei Männer, die sehr unglücklich mit ihrem Leben waren. Einer war ein sehr berühmter Politiker. Er träumte immer davon, eine Wahl zu gewinnen. Aber es war nicht so einfach. Deswegen arbeitete er immer härter und härter, Tag und Nacht, bis er die ganze Familie verloren hatte, aber viel, viel Geld machte und im Geld schwimmen konnte. Er wusste aber nicht, was Spaß bedeutet, und als er die letzte Wahl verloren hatte, kam er in eine starke Depression und ihn erfasste große Trauer.

Der andere Mann war ein Motorradfahrer, der in seine Harley Davidson verliebt war. Er wollte nur mit seinem „Schwarzen Löwen“ durch die ganze Welt reisen. Aber eines Tages passierte etwas Furchtbares. Der schwarze Löwe verschwand. So kam auch der Motorradfahrer in eine starke Depression und ihn erfasste große Trauer.

Die beiden Männer waren so traurig, dass sie an Selbstmord dachten. Man weiß nicht wie, aber beide hatten die selbe Idee, nämlich von der gleichen Küste zu springen. Und zufällig trafen sie sich dort. Sie erzählten sich ihre deprimierende Geschichte und am Ende… umarmten sie sich. In diesem Moment kam fliegend eine kleine Hexe an, die die ganze Szene
gesehen und mit den Männern Mitleid hatte. Deswegen versuchte sie ihnen zu helfen. Die kleine Hexe erzählte, dass sie eine gute Lösung für ihre Probleme hätte – ein magisches „Mon Cherie“.

Um es zu bekommen, mussten sie eine schwere Aufgabe schaffen. Der Politiker musste etwas Lustiges vor der Öffentlichkeit machen, um ein bisschen verrückter zu werden. Und der Motorradfahrer sollte so lange Yoga treiben, bis er in der Luft schweben konnte.

Es war eine ziemlich schwere Herausforderung, und trotzdem schafften es beide.

Und soweit ich weiß, entdeckten sie, nachdem sie das gemacht hatten, dass es im Leben viel mehr als nur Motorradfahren und hart arbeiten gab. Sie fanden einfach ihre Berufung, und seitdem waren sie immer glücklich und freuten sich über die kleinen Freuden des Daseins.
Sagt mal aber nicht, ihr lieben Kinder, dass das „Mon Cherie“ in Wirklichkeit überhaupt nicht magisch war! Das ist unser Geheimnis, denn wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute.

Agnieszka

Das „Klo“

Es war sehr kalt und neblig, aber trotzdem habe ich meine Freundinnen zu einem kurzen Spaziergang ermuntert. Obwohl wir erst seit ein paar Tagen in Berlin waren, wollten wir ein Abenteuer erleben; deswegen liefen wir den Ku´damm entlang.
Es war schon spät, und plötzlich merkten wir, dass wir uns verlaufen hatten. Zum Glück fanden wir eine nett aussehende Kneipe, die komischerweise „Klo“ hieß. Als wir die Türschwelle übertraten, hatten wir das Gefühl, dass wir uns in einer ganz anderen Welt befanden.
Die Atmosphäre dort war so urig, dass wir sofort gute Laune bekamen und zu lachen anfingen. Der erste Raum erinnerte uns an ein richtiges Klo, weil unter der Decke viele verschiedene Nachttöpfe hingen. Es war für uns auch eine Überraschung, als unser Kaffee in einer Tasse, die wie ein Nachttopf aussah, serviert wurde. In diesem Moment explodierten wir vor Lachen.
Wir saßen auf einem Sarg aus dem 17. Jahrhundert, was uns nicht sehr gefiel, weil wir ein bisschen Angst hatten. Außerdem saß neben mir ein schrecklicher Vampir! Die Zeit verging dort sehr schnell und wir mussten leider zurück gehen. Es war aber ein unvergesslicher Abend!